
Petromoderne Anthropologie
Ausgangspunkt ist unser ‘Atlas der Aetromoderne’. Wir erklären Form, Intention und Gewinn einer Herangehensweise, die es erlaubt, zwischen zeitlichen Skalen und räumlichen Maßstabsverhältnissen zu springen und Verbindungen herzustellen zwischen scheinbar heterogenen oder weit auseinanderliegenden Wissens- und Erfahrungsfeldern: vom molekularen zum planetarischen, vom kleinen technischen Detail zur globalen Infrastruktur, vom Knacken einer Schallplatte zum Donnner von Kanonen, von einer getuschten Wimper zu einem Meeresstrand aus Plastikgranulat, vom Körperinneren zum Erdäußeren.

Die exzeptionelle Dynamik der Epoche der Moderne − was wir wissen, wie wir leben, was wir erwarten − hängt auf vielfältige Weise an der Nutzung fossiler Naturgeschichte in Form von Kohle, Öl und Gas.

Die Moderne ist eine ‘Petromoderne‘ in nahezu all ihren Errungenschaften, Abgründen und Widersprüchen. Um die Position des Menschen in dieser Epoche zu deuten, um zu ermitteln, was wir hinter uns lassen sollten, aber auch, worum es zu kämpfen gilt, müssen alle Skalen zwischen molekularen, technischen, historischen, kulturellen und planetarischen Prozessen zusammengedacht werden.

Nur wenn wir ‘fossile Vernunft’ als solche verstanden haben, können wir unsere Gesellschaften postfossil weiterentwickeln. Denn der notwendige Abschied von fossilen Energieträgern betrifft weit mehr als nur Mobilität und Heizung.

Die conditio humana, so unsere These, in die die Menschen der industriellen Zivilisation eingetreten sind, und aus der heraus sie die gewaltige Aufgabe haben, Verantwortung für den gesamten Planeten zu übernehmen und ihr zukünftiges Handeln danach auszurichten, ist eine petromoderne conditio. angemessene Anthropologien dafür sind aber erst im entstehen (etwa im Begriff der ‘Geoanthropologie’).

Mehr noch als der nicht zuletzt geschichtsphilosophische Begriff des Anthropozän erlaubt es der Blick über den Begriff der Petromoderne, die materiellen Voraussetzungen der Technologien und Handlungsweisen, Denkmuster und Ansprüche, die unsere gegenwärtige Lage definieren, zu erkennen und zu benennen. er setzt keinen einheitlichen ‘Anthropos’ voraus, sondern folgt den sehr unterschiedlichen, petromodernen Techniken, Geografien, Politiken rund um den Globus und durch die Geschichte, um herauszufinden, welche Mensch-Erde-Interaktionen dort jeweils wirksam sind.

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Pdf der Veranstaltungsreihe Über Leben im Anthropozän zum download
