»Dämmerung der Petromoderne«, Helmut Höge in der »Jungen Welt« vom 11.5.2021

»Heute gehört der französische Wissenschaftshistoriker Bruno Latour mit seiner »Akteur-Netzwerk-Theorie« (ANT) zu den bekanntesten Kritikern der Petromoderne. Für Latour gibt es keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische. Nicht trotz, sondern wegen Klimaerwärmung, Bienensterben und Artensterben, radioaktiver Verseuchung und Überfischung der Meere, Humusverlust und Verwüstung der Erde.»Heute gehört der französische Wissenschaftshistoriker Bruno Latour mit seiner »Akteur-Netzwerk-Theorie« (ANT) zu den bekanntesten Kritikern der Petromoderne. Für Latour gibt es keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische. Nicht trotz, sondern wegen Klimaerwärmung, Bienensterben und Artensterben, radioaktiver Verseuchung und Überfischung der Meere, Humusverlust und Verwüstung der Erde.

2020 erschien ein »Atlas der Petromoderne«. Er behandelt die Petromoderne bereits als eine abgeschlossene Ära, seine Autoren, die Kulturwissenschaftler Alexander Klose (Berlin) und Benjamin Steininger (Wien), bereiten daneben seit 2017 eine Retrospektive dieser Ära im Kunstmuseum Wolfsburg vor: »Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters«. […]

»Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., war da schon weiter: Er sah bereits das Ende der Petromoderne: »Ich bleibe beim Pferd, das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung«, sagte er.«

»Die große Beschleunigung« Beitrag von Benjamin Steininger in »Albert. Das Journal der Einstein Stiftung Berlin Nr.6 – Katalyse«

»Gäbe es eine Brille, mit der man die Geschichten sehen könnte, die hinter den Stoffen stehen, und würde man diese Brille auf die Wirkung der industriellen Katalyse einstellen – man käme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fast in jedem Bereich des Alltags sähe man Stoffe, die es bis vor gut 100 Jahren so nicht gab und die seither die Moderne prägen.«

Chemische Reaktionen haben den Planeten zum Gegenstand eines gefährlichen Experiments gemacht. Nun müssen die Systeme der Mobilität, Energieerzeugung, Landwirtschaft und Industrie in voller Fahrt umgebaut werden, um eine planetare Katastrophe zu verhindern.

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»Verheizt und verbrannt«, »Erdöl« in der SZ-Rezension von Jörg Häntzschel vom 10.2.2021

»Noch fackeln wir das Öl also ab wie immer, doch allmählich tut sich eine innere Distanz auf, die es erlaubt, den Irrsinn dieser so märchen- wie albtraumhaften Ära zu überschauen, der “Petromoderne”, wie Benjamin Steininger und Alexander Klose sie im Untertitel ihres an Ideen, Funden und Bildern prallvollen Bands “Erdöl” nennen« (Jörg Häntzschel)

Out now! Alexander Klose, Benjamin Steininger: Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne. Berlin: Matthes&Seitz 2020

Das Buch ist vieles in einem: historisches und geografisches Sachbuch, kulturtheoretischer Essay, Bilderbuch. In dreiundvierzig, von ebenso vielen Bild-Fundstücken inspirierten Kapiteln, entwickeln wir ein technisches, geografisches, politisches und spekulatives Panorama der sich neigenden Erdölmoderne.

Wir schlendern nach Baku, Louisiana, in die Mandschurei und durchs Wiener Becken. Wir lesen Karl Valentin, technische Handbücher und hören Neil Young. Es geht zum Mond, durch Raffinerien und über corona-leere Highways. Wir verknüpfen Petrochemie mit Petromelancholie, Katalyse mit Katharsis, Kosmos mit Kosmetik. Es geht um die Abgründe und Höhenflüge eines Stoffes, der unsere Epoche in all ihren Widersprüchen durchzieht, und dessen Rolle für unsere Gegenwart wir verstehen sollten, um ihn dann hinter uns zu lassen.

324 Seiten, 43 Abbildungen, davon 21 in Farbe, Hardcover, 26 EUR, ISBN: 978-3-95757-942-3

»Fossile Rohstoffe: Eingesickert in die Gesellschaft« Interview mit Benjamin Steininger im National Geographic 6/2020

»Es ist nicht nur in unseren Motoren, es ist auch in unseren Körpern, es ist nicht nur in unseren Körpern, es ist auch in unseren Köpfen, es ist nicht nur in unserem Wissen, es ist auch in unserem Wollen und Hoffen.« (Beauty of Oil)

Sprechen wir von fossilen Rohstoffen, denken wir zuerst an Mobilität und Energie. Doch Kohle, Gas und Erdöl sind in den letzten 200 Jahren viel tiefer in unser Leben gesickert, als wir vermuten. Freiheit und Wohlstand des fossilen Zeitalters basieren ebenso wie Nylon, Arzneimittel oder Kunstdünger auf jenen Energieträgern. Ist eine Welt ohne fossile Rohstoffe überhaupt denkbar? Benjamin Steininger, Kulturtheoretiker am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und am Exzellenzcluster UniSysCat in Berlin, erklärt, wie sich die Gesellschaft emanzipieren und eine alternative Zukunft aussehen kann.

»Aufbruch in eine ungewisse Zukunft / Petromelancholia and its discontents / Одуматься! Сейчас!« Beitrag von Benjamin Steininger für Petersburger Dialog 7/2019

Wie in einem System kommunizierender Röhren sind tatsächlich alle Gesellschaften auf ihre Weise betroffen, Rohstoffökonomien wie Kanada, die Golfstaaten oder Russland, aber auch In-dustrie- und Raffinerieökonomien in Europa und Asien, Produzenten und Konsumenten. Und man wird Wissen aus allen Strängen und Ecken dieses Systems benötigen, um das nächste, dann nachhaltige System zu entwickeln

Aufbruch in eine ungewisse Zukunft (Deutsch)

Petromelancholia and its discontents (English)

Одуматься! Сейчас! ( русский )

»Über das fossile Zeitalter und die Suche nach dem Weg hinaus« Interview mit Benjamin Steininger und Alexander Klose, in: Sebastian Susteck (Hg.), Erzählte Energie. Energie – Einwanderung – Erneuerung. Ausstellung 2019, Bochum 2019, S. 50-55.

»Die materielle Bedeutung fossiler Energieträger für die Epoche der Moderne wird weder in der Geschichtswissenschaft noch in der Kulturtheorie oder der Philosophie bestritten. Die uns bekannten Formen von Industrie, Wissenschaft, Kultur und Technik wären ohne den Zustrom von fossiler Energie und ohne die Materialien, die sich aus Kohle und Öl herstellen lassen, nicht möglich gewesen.
Mit unserem Schlagwort von der „fossilen Vernunft“ gehen wir aber noch einen Schritt weiter. Was nämlich mit den neuen, aus fossilen Rohstoffen produzierten Energien und Stoffen in die Welt gekommen ist, sind neue Formen von Wissen, neue Horizonte des Machbaren, neue Formen der Erwartung, die an den fossilen Energieträgern hängen.
In unseren Alltag ist Wissen über kleinste bis größte Naturzusammenhänge eingebaut, über chemische bis geohistorische, ja fast kosmische Prozesse. Bei jedem Stopp an der Tankstelle begegnen wir einer Jahrmillionen alten Vorgeschichte der Erde. Und wir halten es für selbstverständlich, dass uns die Energie dieser Vorgeschichte für unsere Zwecke zur Verfügung steht. «

»Petromoderne Petromonströs«

Beitrag von Benjamin Steininger in: Rispoli / Rosol (Hg.): Technology and Sublime, Azimuth, Philosophical Coordinates in Modern and Contemporary Age, VI (2018), nr. 12, S. 15-30.

»Man kann mit dem Auto in die Raffinerie Wien-Schwechat hineinfahren und mittendrinstehenbleiben, in der Dämmerung, an einem Frühlingsabend. Beeindruckend ist schon der den allermeisten Bewohnern oder Besuchern Wiens vertraute Blick von der Autobahn oder von derFlughafen S-Bahn aus. Über mehrere Quadratkilometer erstrecken sich zwischen Stadt und Flughafenriesige Tanks, turmhohe, chemische Reaktoren und ein Geflecht aus vertikalen und horizontalenRohrleitungen. […]
Dieser Beitrag nähert sich chemischer Technik als einem konkreten Begegnungspunkt abstrakterDichotomien. Als Kategorie der Ästhetik liegt das Erhabene nicht in den Dingen selbst, sondern in derWahrnehmung und Empfindung. Im Abschreiten einiger, im Anblick einer Raffinerie nicht direktwahrnehmbarer, historisch und systematisch aber dort präsenter Bedingungen soll das Potenzialdieser Technik für die Reflexion der Ästhetik der Gegenwart ausgelotet werden. «

»Im Bann der fossilen Vernunft« Beitrag von Alexander Klose und Benjamin Steininger in: 12/2018, Merkur sowie auf zeitonline.de

»Das widersprüchliche Erbe der fossilen Energieträger wird der Welt noch lange erhalten bleiben. Selbst wenn es gelingt, die destruktivsten Formen des Öl-, Kohle- und Gasgebrauchs aus der Welt zu schaffen, wird es Formen ihres Nachlebens geben, und zwar sowohl auf stofflicher Ebene als auch in Ökonomie, Politik und Gesellschaft und in den im fossilen Zeitalter eingeübten Denk- und Verhaltensmustern. An diesem Punkt muss jede Kritik ansetzen, die mehr als nur Oberflächenphänomene erfassen will. Von einem Standpunkt gleichzeitiger äußerster Fremde und größter Nähe aus geht es um die nüchterne Einsicht, dass uns das fossile Regime nicht äußerlich ist. Es geht vielmehr mitten durch uns hindurch.«