Rezension des »Erdölatlas« von Dietmar Bleidick in »Der Anschnitt. Zeitschrift für Montangeschichte 73 (2021)«

»Wer sich darauf einlässt, dem bietet der Atlas der Petromoderne ebenso wie dem Rezensenten ein reichhaltiges Spielfeld für unerwartete Entdeckungen und neue Perspektiven, auch wenn man den Assoziationen nicht unbedingt folgen muss. Er regt jedenfalls zum Nachdenken und zur thematischen Auseinandersetzung an und das ist wohl das Beste, was ein solches Buch überhaupt zu bieten vermag.«
Dietmar Bleidick, Bochum

Dietmar Bleidick in: Der Anschnitt 73 (2021), S.248. (pdf hier)

»Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne«, Gespräch zum Buch mit Benjamin Steininger. Galerie Hinterland Wien, 18.2.2022, 18:00, Begleitprogramm zur Ausstellung »The Shape of Oil«

Galerie Hinterland, Krongasse 20, 1050 Wien, www.hinterland.ag (mehr hier)

Zwei Aspekte aus dem Buch greifen wir für das Gespräch heraus: Die Verflechtungen von Öl, Kunst und Kapital am Beispiel des “Teheran Museum of Contemporary Art”, sowie das Wiener Becken als Schauplatz eines sehr spezifischen Oil Encounters im 20. Jahrhundert und damit als lokales Schaufenster hinein in die globale Petromoderne.

Vorbericht in der Wiener Straßenzeitung AUGUSTIN

»Oil« has left the building – im übertragenen und im sehr materiellen Sinn. Die Wolfsburger Ausstellung »Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters« hat ihre Tore geschlossen

Seit 3. September 2021 und bis zum 9. Januar 2022 war »Oil« unter großem Medien- und Publikumsinteresse am Kunstmuseum Wolfsburg geöffnet – erfreulicherweise ohne einen einzigen Tag Corona-Ausfall.

Jetzt schreitet der Abbau mit Riesenschritten voran. Leihstücke aus aller Welt und in tatsächlich allen Erscheinungsformen treten die Heimreise an: vom 14 Meter breiten Wandrelief von Tony Cragg bis zur 3 mm kleinen Ölfliege aus Kalifornien.

400 Liter Öl aus dem Ölspiegel wurden abgepumpt und wiederverwertet, getreu dem Motto unseres Ausrüsters Avista-Oil: »Jedes Ende ist ein neuer Anfang« (siehe unten, Aufschrift LKW).

Wir bedanken uns noch einmal ganz herzlich auf diesem Weg beim gesamten Museumsteam in Wolfsburg für die tolle Zusammenarbeit und wünschen alles Gute für den unmittelbar anschließenden Aufbau von »Macht! Licht!« (Eröffnung am 12.3.2022)!

Fotos: Elena Engelbrechter

Out now! Штайнингер/Клозе: »Нефть. Атлас петромодерна«! Unser Erdölatlas in russischer Übersetzung! Zum Preis von 1210rub. Eine Kooperation mit dem Goethe-Institut Novosibirsk, dem Verlag logos/lettera und der Buchhandlung Gnosis Moskau

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Беньямин Штайнингер, Александр Клозе: Нефть. Атлас петромодерна

М.: Издательство “Логос”, ООО “НПТ”. Москва 2021. – 324 с.
ISBN 5-8163-0088-9 (Серия: letterra.org/off-university)

Стоит 989 р.

Перевод и издание книги осуществлены при поддержке Гёте-Института

Нефть (Erdöl) вездесуща, преобразуется в множество личин и состояний (вот она как «топливо», а вот как «полиэтиленовый пакет», «помада» или «воздушный шарик»), оставаясь при этом невидимой. Одновременно чудесная и роковая субстанция, она по преимуществу символизирует как надежды и соблазны, так и угрозы и страхи нашего времени. И чтобы вновь освободиться от них, нам нужно уметь понимать, с чем мы имеем дело в наших двигателях, лабораториях и телах, в наших науках и мечтах. В этом богато и тонко проиллюстрированном Атласе рассказаны 43 истории о Нефти как «материальном бессознательном современности»: о глубоком бурении и космических путешествиях, о роскошных телах и прирученных молекулах, о невероятном богатстве, молниеносной войне и разрушении ценностей. Потому что Нефть – это больше, чем просто сумма ее молекул: это солнечный свет, накопленный за миллионы лет, это концентрированная история Земли, это чудодейственная смазка, позволяющая крутиться «колёсам» петромодерна, нашей нефтесовременности – вопреки (и благодаря!) всей ее противоречивости.

»Нефть. Атлас петромодерна« am Stand der Buchhandlung ‘Gnosis’ auf der Buchmesse non/fiction#23 12/2021, Moskau (Fotos: Oleg Nikiforov)

“Загадочная книга…..” (“ein mysteriöses Buch…”) Rezension auf gorky.media (link hier)

»Beauty of Oil« am 28.11.2021 beim Festival »Planet schreibt zurück!« im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

dieses und alle anderen Fotos in diesem post von Jan Michalko/CCN

In drei Kapiteln (I Sonde, II Raffinerie, III Erdölmensch) sprachen und diskutierten Benjamin Steininger und Alexander Klose über zentrale Aspekte ihrer kuratorischen Erforschung der Petromoderne. Das Motto des Festivals, “Planet schreibt zurück!”, diente dabei als Ausgangs- und Endpunkt unserer eigenen Überlegungen:

Wie schreibt man so, dass ein Planet auch antworten kann? (Über Exploration und Wissensformen des Untergrunds) 

Was schreibt er uns? (Fossiles Wissen, deep time und Systemökologie als Kollateraleffekt der Explorations- und Extraktionstätigkeit)

Welches Bild des Menschen sendet uns der Planet zurück? (Wir Petromodernen, im schwarzen Spiegel des Öls)

Zu Videomontagen von Bernd Hopfengärtner las die Schauspielerin Franziska Krol Textpassagen aus unserem Erdölatlas.

Im Rahmen von “planet studiert” – Beiträgen des HU Germanistik-Seminars “Climate Fiction” (WS 2021/22) zum Festival “Planet schreibt zurück” – entstand retrospektiv folgende Skizze:

Alena Naima Knüppel, Probebohrung in der Hölle

»Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der bejammernswürdigsten Unwissenheit leben, und dass alle ebenso denken und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elends nur ein einziges Mal in ihrer Seele aufginge.« (Tieck: der Runenberg)

»Inspiriert vom Panel 8 „Die Petromoderne(n) – eine Retrospektive“ mit den Kulturwissenschaftlern Alexander Klose und Benjamin Steininger habe ich mich an einer Karikatur versucht. Eingestiegen sind die beiden mit Dantes Vorstellung der neun Kreise der Hölle. Sie interpretierten Dantes literarische Höllenvision als Schichtmodell der Erde, lange bevor die Wissenschaft dasselbe zu träumen wagte.

Der Titel des Festivals „Planet schreibt zurück!“ wirft jetzt die Frage auf, wie man überhaupt so schreiben kann, dass der Planet antwortet? 

Nach Klose und Steininger könnte man „seismisches Wissen“ in diesem Sinne interpretieren: Vibrationsdruck sendet Signale in die Erde und der Planet antwortet, indem er die Signale zurücksendet und je nach Beschaffenheit unterschiedlich reflektiert. Durch die Wellensignale entsteht eine Vorstellung von der ‚Unterwelt’, allerdings nur als Hypothese. Die Antwort muss von Geophonen aufgefangen werden, der ‚Briefverkehr’ mit der Erde ist also hochtechnologisch. Dieses Wissen wird unter anderem Ölkonzernen zur Verfügung gestellt, die es ihrerseits dazu verwenden Hypothesen aufzustellen, wo Öl zu finden ist. 

Meine Karikatur stellt nun folgendes dar: Angesichts der Klimakrise scheint mir ein derart imaginierter Briefverkehr, als bohre man gradewegs ein Loch in die Hölle.« (Alena Naima Knüppel )

Extraction—Production—Destruction. On the Contradictory Productivity of Oily Images

Essay by Alexander Klose, published in Resolution Magazine #1 (2021), ‘Hot Pictures’

Thinking about the roles images play in the production of knowledge around anthropogenic damage to ecosystems, one stumbles into a meshwork of contradictory relations. Principally, it is possible to distinguish between two different categories of images: those about situations of extraction/destruction (with images of disasters being the most popular) and those brought forward or made by the situations themselves. The latter is a relatively new (or newly recognized) type of images that Susan Schuppli refers to as ‘dirty pictures’, a way in which “anthropogenic environments are documenting their own damaged condition.” Both types of images share a problematic condition: as they formulate a critique of extraction, destruction, and pollution, they are also a part of or the result of the circumstances they depict. In the following text I will concentrate on image-making related to the extraction and uses of oil (and the products it is used to produce) as being probably the most important and momentous of all anthropogenic substances shaping the contemporary condition of the earth. I will track some of these contradictory constellations and try to elaborate an understanding of the dialectical yet calamitous dynamics associated with producing these images.


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»Beauty of Oil« am 24.11.2021 in der ARTE-Sneak-Preview am Kunstmuseum Wolfsburg: »Petro-Melancholie. Das Erdölzeitalter im Spiegel der Kunst.« Ein Film von Mathias Frick. Und am 11.5.2022 auf ARTE!

Wir wurden in einen Rausch an einem Stoff hineingeboren, der uns einst grenzenlose Freiheit, die Moderne und Lebenskomfort versprach. Das Erdöl, mit seiner schier endlosen Produktpalette, hat wie kaum ein anderer Stoff unsere moderne Gesellschaft geprägt und verändert. Und unsere Welt gleichzeitig in großes Leid gestürzt. Heute ist unser Öl-Rausch zu Ende, die Dämmerung des Erdölzeitalters hat begonnen und der Film blickt mit Künstlern und Künstlerinnen zurück auf die Petromoderne – unser Zeitalter des Öls.

Und er stellt sich die Frage: Was hat das Erdöl nur mit uns gemacht und warum fällt es uns so schwer, uns von dem schillernd schwarzen Rohstoff zu lösen?

Produktion: VIVE la DOK Filmproduktion und Navigator Film (Österreich) in Koproduktion mit ZDF/ARTE, 2021, Regie: Mathias Frick, 52 min